Theorie(n) der Grammatik

Eine entwicklungstheoretisch bedeutsame Theorie der Grammatik(en) ließe sich so auf den Punkt bringen: Sprachliche Äußerungen sind symbolische Handlungen; sie zu verstehen, zu beschreiben und zu beurteilen, setzt die Kenntnis der Sprache und der Welt der Handelnden voraus. Man kann sie von Fall zu Fall als Aktualisierungen bestimmter Schemata des sprachlichen Ausdrucks analysieren. Hinsichtlich ihrer historischen, ihrer kulturellen, iihre sozialen und personalen Genese kann man zwischen elementaren und komplexen sprachlichen Ausdrucksschemata unterscheiden. Als ontogenetisch strukturell elementare gelten das Auffordern, das Informieren, das Sichmitteilen; als strukturell komplexere zum Beispiel das Erzählen.

Die Schemata sprachlichen Ausdruck haben eine strukturanalytisch darstellbare Form. Deren Konstruktionsgeschichten und Konstruktionsregeln zeichnen Grammatiken nach. Die Geschichte ihrer Konstruktion lässt sich als ein Prozess der Grammatikalisierung darstellen: today´s morphology is yesterday´s syntax, today´s syntax is yesterday´s discourse. (Tomasello) Die Regeln ihrer Konstruktion kann man grammatikalisch darstellen: Nominalisierung wäre ein einschlägiger Fall: den Begriff der Intelligenz verwenden wir dann durchdacht, wenn wir die Begriffsgeschichte beachten und die Zuschreibung der Qualität eines bestimmten Verhaltens nicht mit einer vermeintlich natürlichen Eigenschaft der Person verwechseln.  Die Pronominalisierung nominaler Kennzeichnungen ist ein weiterer Fall von Grammatikalisierung: die Substitution artikuliert, dass bekannt ist, wovon die Rede ist. Die nominale Substitution hat vielleicht nichts mit der Grammatikalisierunng zu tun, ist aber ein anderer Fall der Bezugnahme: wenn Kennzeichungen durch andere Kennzeichnungen modifziert werden,  entsteht so etwas wie ein Netz von Verweisungen., das den sozialen Raum der wechselseitigen Kommunikation kognitiv strukturiert.

Grammatiker kennzeichnen grammatische Sachverhalte auf die eine oder andere Weise begrifflich. Grammatische Konstruktionen, heißt es zum Beispiel, seien sprachenspezifische Funkion-Form-Einheiten. Dabei ist nicht immer klar, was die analytische Prämisse form follows function beinhalten soll: ist da weiterhin ein Zweck-Mittel-Denken, ein Intentionalismus im Spiel – hier die Absicht, dort ihr Ausdrucksmittel?  (Ein Intentioalismus, den schon Kleist kritisierte: Wir verfertigen nnsere Gedanken, indem wir laut denken.) Wie auch immer -entnscheidend ist, was sie tun: Grammatiker denken und handeln nämlich strukturanalytisch. Sie spielen mit den sprachlichen Ausdrücken, sie stellen grammatische Operationen an und treffen begriffliche Unterscheidungen. Das Verständnis der Struktur der Sätze, der Satzglieder, der Wörter, die  Unterscheidung der Satzarten und der Wortarten zum Beispiel geht auf solche Operationen und Kennzeichnungen zurück. Wie auch immer sie dabei mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache experimentieren mögen – sie bewegen sich immer im Raum ihrer durch geschulte Beobachtung erweiterten Spracherfahrung.

Grammatiker untersuchen mehr und mehr auch die Strukturbildungen komplexerer sprachlicher Ausdrucksschemata. Zum Beispiel die grammar of sharing and narrative und deren Ontogenese. Dabei kommen sie mehr und mehr auf den sprach-, kultur- und entwicklungstheoretisch entscheidenden Punkt: die Aneignung der sprachlichen Ausdrucksformen hat einen gewissen Feed-Back-Effekt auf den Gehalt und die Intention des Ausdrucks. Zum Beispiel, was die Fähigkeit des Erzählens angeht. Die Verwendung der grammatischen Formen zur Situierung von Begebenheiten, zur Perspektivierung von Darstellungen, zur Kennzeichnung von Figuren,  zur Strukturierung von Handlungszusammenhängen usw. lässt genau das entstehen, was man gemeinhin narrative Kompetenz nennt: die Fähigkeit, Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen als Geschichten zu vergegenwärtigen.

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