Sprachfähigkeit

In der Tradition der strukturalistschen Sprachforschung ist Sprachfähigkeit kaum mehr als ein satzzgrammatisch darstellbares Können und Wissen. Einem zweijähirgen Kind zu attestieren, es sei sprachlich schon sehr weiit, besagt dann kaum mehr als ihm das Talent zuzuschreiben, Wörter für Dinge zu kennen, richtige Sätze bilden zu können,über einen altersgemäßen Wortschatz zu verfügen, und dergleichen mehr. Solche Fähigkeitsbeschreibungen greifen aber entschieden zu kurz. Sie gehen erheblich an dem vorbei, was Personen tun, wenn sie sich sprachlich äußern, sie sind allzu formbezogen.

Was macht sprachliche Kommunikationsfähigkeit aber aus?
Beobachten wir ein dreijähriges Kind einen Tag lang. Dann stellen wir fest, was  es schon alles kann. Es kann seinen Gefühlen Ausdruck geben, seine Gedanken zur Sprache bringen, andere zu bestimmten Handlungen veranlassen. Es versucht sich an Gesprächen zu beteiligen, Beobachtungen mitzuteilen, Überlegungen zu begründen, Erkärungen zu finden, Erinnerungen zu vergegenwärtigen, in die Zukunft zu denken. Es kann bald Geschichten erzählen, Sachverhalte erörtern, Verabredungen treffen und mehr. Kurz, es ist dabei, sich eine Reihe unterschiedlicher  sprachlicher Fähigkeiten anzueignen die der satzgramatischcn Beschreibung einfach entgehen müssen.

Was zum Beispiel geschieht, wenn Kinder beginnen, weil-Sätze oder wenn-dann-Sätze zu bilden? Sie eignen sich, würden manche Sprachtheoretiker sagen, die Fähigkeit an, Ursachen und Wirkungen, Bedingungen und Folgen begrifflich unterscheiden zu können. Wenn sie dabei bald auch den KonjunktivII zu gebrauchen lernen, beginnen sie zu begreifen, was den Unterschied macht zwischem dem was der Fall ist und dem was der Fall wäre, wenn nicht…

Und was, wenn sie lernen, Geschchten zu erzählen? Die Aneignung dieser Fähigkeit rückt immer mehr ins Blickfeld der Entwicklungsforschung. Wir alle sind gewissenmaßen in Geschichten verstrickt. Die Art und Weise, wir wir Situationen wahrnehmen, Handlungen verstehen, Erfahrungen machen, Erinnerungen haben, hängt von unserer Erzählfähigkeit (unserer narrativen Kompetenz) ab. Es ist die sprachliche Struktur der Erzählung, die unsere Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen formt. Wer zu erzählen lernt, der weiß bald, worauf es bei einer Geschichte ankommt: Halte dich an ein bestimmtes Schema der Darstellung der Handlungen und Ereignisse, unterscheide dabei zwischen den Perspektiven der Akteure und deiner Erzählerperspektive und zwischen deiner wertenden Stellungnahme und der jener Personen, von denen du erzählst. Das alles (und mehr) lernt und kann eine narrativ kompetente Person, nicht damit sie, sondern indem sie Geschichten erzählt. Indem sie zum Beispiel die indirekte Rede verwendet, erzeugt sie die Distanz zwischen dem, was wir selbst meinen, und dem, was die andere Person meint.

Erzählfähige Kinder sind imstande, Positionen und Perspektiven des Verständnisses von Situationen, Handlungen und Personen zu unterscheiden, den Gang der Dinge in ihrer Erfahrungswelt strukturiert wahrzunehmen – und wenn sie Glück haben, sich in erfundene Geschichten verlieren zu können, andere mögliche Erfahrungswwelten kennenzulernen. (Mit Bildgeschichten fängt das an.)

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