Sign Mind Brain

Ein Grundproblem auch der Sprachdiagnostik und der Sprachförderung: das Sign-Mind-Brain-Problem. Repräsentieren kommunikative Prozesse kognitive Prozzese und die wiederum neuronale Prozesse? Oder muss man sich die Interaktion von Sprache, Bewusstsein anders vorstellen? Ist die Sprache nicht der Spiegel sondern das bildende Organ des Gedanken? Wie, beispielsweise, erklärt man den Dysgrammatismus? Wie zum Beispiel Legasthenie?  Als neuronale, als kognitive, als verbale Entwicklungsstörungen?  Was ist genetisch vererbt, was  ist kulturell vererbt? Offensichtlich führt neuropsychologischer Determinismus eben so wenig wie kulturalistischer Interaktionismus weiter; vielmehr haben wir es hier mit komplexen Wechselwirkungszusammenhängen zu tun. Ist Emergenz die neue Zauberformel?

Die Begriffswelten der Hirnforschung,  der Bewusstseinsforschung, der Sprachforschung  unterscheiden sich erheblich.  Die Hirnforschung läßt sich natürlich nicht als Ganzes darstellen (schon mangels eigener Kompetenz nicht). Wohl aber lassen sich unterschiedliche Positionen und Perspektiven im Hinblick auf das besagte Problemfeld unterscheiden. Genauer: im Hinblick auf verschiedene Probleme der Theorien der Wahrnehmung, des Handelns, der Verständigung, des Verstehens, der Empfindungen und Gefühle, des Erkennens, des Lernens, des Wissens, des Personseins, der Willensfreiheit usf.

Und an Neuro ist dabei derzeit kein Mangel: Neurobiologie, Neurolinguistik, Neuropsychologie, Neuropsychotherapie, Neuropsychiatrie, Neurodidaktik usw. haben derzeit Konjunktur. Ist unser Bewusstsein neuronal determiniert (und wie hat man sich diese Determiniertheit zu denken)? Ist Willensfreiheit eine Fiktion, ein (wie manche mit biederer Selbstwidersprüchlichkeit zu meinen scheinen) die wirklichen Pozesse im realen Gehirn überlagerndes (ein alltagstheoretisch leidlich gut funktionierendes) soziales Konstrukt? Sind die psychischen Prozesse zu einem erheblichen Teil eher Projektionen jener dem wachen Bewusssein zu einem erheblichen Teil unzugänglichen (und in diesem Sinne) impliziten neuronalen Prozessen? Sind Empfindungen, Gefühle, Wertungen und Werte letzten Endes in der Großhirnrinde zu verorten? Zeigt nicht schließlich erst das Neuro-Imaging was Imaginationen, was Spontaneität, was Kreativität ausmacht? Sind das biografische und das historische Erinnern nicht eigentlich das, was die Neurowissenschaften aus ihnen machen? Ist nicht die Hirnforschung die Leitdisziplin der Bewusstseins- und der Verstehensforschung? Ist nicht am Ende das Sign-Mind-Brain-Problem selbst eine Fiktion; eine, auf die bestensfalls noch Phänomenologen hereinfallen mögen; jene Leute also, die in einer bestimmten Tradition der Geistes- und Kulturwissenschaften hoffnungslos zu Hause sind? (Vor allem deswegen hoffnungs- und aussichtslos, weil sie sich an ein reichlich antiquiertes Bild der Natur des menschlichen Geistes halten?)

Der Anschein dürfte wohl trügen; denn es fällt auf, dass die semiologische, die zeichenseitige, die sprachliche Dimension der Interaktion von Gehirn, Bewusstsein und Sprache, Schrift usw. bei vielen Forschungsarbeiten denn doch eher vernachlässigt wird. Was es zum Beispiel ausmacht, in  intersubjektive, objektive und subjektive symbolische Welten hinein zu wachsen, das ist (für neurowissenschaftliche Entwicklungs-)Forscher nicht unbedingt ein Problem; jedenfalls noch keines auch sprachtheoretisch durchdachter empirischer Forschung. (Exemplarisch in dieser Hinsicht die Positionen eines vermeintlich sehr radikalen, mit Neuroscience-Analogien operierenden Radikalen Konstruktivismus.)

Die wissenschaftsöffentliche und die populärwissenschaftliche Debatte radikalisiert nicht selten wahrnehmungs-, handlungs-, lern-und wissenstheoretische Positionen, die kultur-, zeichen- und sprachtheoretische Traditionen längst hinter sich gelassen haben: der Intentionalismus feiert dann fröhliche Urständ;. Ds einzelne Gehirn scheint zu agieren (zu prozessieren), wie wenn eine den anderen unzugängliche innere Stimme mit sich selbst spräche. Es scheint für sich Dinge zu tun, die man eher dem Bewusstsein der Person – und noch eher Personen in symbolisch vermittelter sozialer Interaktion zuschreiben würde. (Es unterscheidet, es denkt, es will, es plant, es redet, es überlegt.) Dabei werden nicht zuletzt konstitutionstheoretische Perspektiven der Genese des Mentalen, der Verkörperung des Denkens weitestgehend ausgeblendet.

Exemplarisch für die Einklammerung der Sign-Dimension des Sign-Mind-Brain-Problems: das neurowissenschaftliche Bild des menschlichen des Gedächtnisses. Die Diskrepanz zu einem kulturwissenschaftlichen Verständnis des Erinnerns könnte kaum größer sein. Neurologisch, neuropsychologisch scheint man nach wie vor auf eine Abbildtheorie der Sprache fixiiert zu sein: als ob etwa die Interaktion und die Koevolution von Gehirn, Bewusstsein, Sprache keine Tatsache sei. Aber wie emergiert Geist? Wie etwa ein Bewußtsein des eigenen Bewußtseins; und wie Selbstkenntnis und Selbsterkenntnis? D. C. Dennett stellt in bei einer Rezension von A. Clark lakonisch fest: „Language makes minds of our brains.“ Und M. Seel (2005; 556) konstatiert: „Die Sprache des Überlegens und seiner Gründe (…) ist eine unhintergehbare Voraussetzung der Beschreibung neuronaler Prozesse, in denen Erleben und Überlegen sich realisieren. Wer sich auf Gründe nicht versteht, kann nichts von den Ursachen für diese Gründe wissen und auch nichts davon, ob und wie diese Gründe als Ursachen wirksam sind.“ Der „Gegenstand“ der „naturwissenschaftliche(n) Erforschung des Geistes sind nicht einfach neuronale Zustände, sondern diejenigen, in denen sich die Selbsterfahrung des Geistes vollzieht.“ Das Überlegen lasse sich nicht im Sinne einer rigiden neurodeterministischen Interpretation der Kernaussagen des 2004 in der Zeitschrift Geist und Gehirn veröffentlichten Manifests von Hirnforschern beschreiben. Aber – wie kann, wie sollte man solche vielleicht emergenztheoretisch verstehen?

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