Begriff der Grammatik

Die Grammatik haben wir nicht im Kopf, sie steht auf dem Papier; als eine übersichtliche, nach bestimmten Prinzipien geordnete Darstellung der Üblichkeiten, Regeln, Muster, Formen der Bildung und des Verständnisses sprachlicher Ausdrücke. Meist durch Beispiele  (Beispielsätze) so verdeutlicht, dass wir die Darstellungen nachvollziehen können, weil wir uns an eine uns vertraute sprachliche Praxis erinnern können.

Nicht selten, nach wie vor, aber so formuliert, als es gehe es bei der Sprache um ein Repertoire von Mitteln für unabhängig von ihr bestehende Zwecke, als komme es bei der sprachlichen Kommunikation darauf an, das was man schon im Kopf hat, mit sprachlichen Miiteln an andere zu übertragen. Sieht man sich entsprechende grammatische Feststellungen genauer an, dann gewinnt man gelegentlich den Eindruck, da werde bei der Erläuterung grammatischer Sachverhalte mit einem  begrifflichen Vokabular operiert, das sprachtheoretisch zu explizieren wäre. (Man lese nur die üblichen Erläuterungen beispielsweise zum Zusammengesetzten Satz.)

Das den Beschreibungen zugrundeliegende, erklärende Muster hat oft die Form: Wenn der Sprecher x zum Ausdruck bringen will, dann wählt er y. Hier das intentionale Bewusstsein, dort seine sprachliche Übersetzung.  Aber wie kann  ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

Aber haben wir nicht, wenn wir mit anderen sprechen, doch Regeln im Kopf, folgen wir mt unseren sprachlichen Äußerungen nicht doch gewissen sprachlichen Regeln? Regeln der  Wort-, Satz- und Textblldung? Lässt sich die Grammatik einer Sprache nicht doch wie gewisses Regelsystem verstehen, an das sih Sprecher zu haben, wenn sie sich verständlich machen und verstanden sein wollen? Wenn wir an so etwas wie soziale Regeln, an sprachliche Konventionen denken, dann ja, Aber wenn wir an so etwas wie vorbewusste Regelmechanismen denken, dann macht das wenig Sinn. Kein Kind, das eine indirekte Aufforderung  an seinen Vater zu richten verstehtm sagt sich erst eine Regel der Bildunng solcher Sätze vor. Kein Sprecher, der beispielsweise gelernt hat, was kausale von intentionalen weil-Sätzen unterscheidet, macht sich erst in Gedanken den Unteschied zwischen den beiden weil klar, bevor er dann ausdrücklich weil-Sätze bildet. Ein kleines Kind, das mit dem Prädikat schön finden umzugehen weiß, erinnert sich erst einmal beim stummen Selbstgespräch daran, dass es darauf ankomme, begriffen zu haben, dass es für den Grammatiker einen Unterschied macht,  wenn er etwas schön finden mit etwas schnell finden. (Oder?) Kurz – der Regelbegriff taugt wenn überhaupt eher zur Beschreibung grammatischen Wissens, nicht aber zur Beschreibung grammatischen Könnens. Grammatische Kompetenz hat eher mit der Fähigkeit zu tun, grammatische Sachverhalte beschreiben zu können.

Aber wie verstehen, wie erklären wir dann schon auf den ersten Blick auffällige Defizite der Laut-, Wort- und Satzbildung bei kleinen Kindern? Offensichtlich kommt alles drauf an, mit welchem Begriff der Grammatikalität sprachlichen Ausdrucks wir arbeiten. Die aktuelle Grammatikforschung erforsscht die Geschichte und die Aneignung grammatischer Konventionen , Schemata und Formen durchaus konkret – und kommt dabei zu Befunden, die die bisherige Kompetenzforschung und Kompetenzdiagnostik zum Teil in Frage stellen dürften.

Die linguistischen Universalien der Psycholinguisten sind, das zeigen etwa aktuelle kulturanthropologisch vergleichende Sprachen- und Sprachentwicklungsstudien, eher das Ergebnis eines formalwissenschaftlichen Syntaktizismus, der auf nichts anderes als auf Formbestimmungen einer westeuropäischen, nicht zuletzt der Schriftsprache verpflichteten schulgrammatischen Tradition zurückgeht. Die kulturwissenschaftliche Sprachentwicklungsforschung geht von anderen theoretischen Annahmen aus und stützt sich auf eine andere Empirie: die Grammatiken der Sprachen sind mehr oder weniger verschieden, grammatische Fähigkeiten unterscheiden sich schon deswegen von Sprachkultur zu Sprachkultur. Die Grammatikalisierung der sprachlichen Ausdrucksformen ist ein soziohistorisches, ihre Aneignung ein sozialkognitives Phänomen. Diagnosen  grammatischer Kompetenz sind deshalb sprachkulturbezogen zu konzipieren. Der syntaktizistische Begriff von Grammatikalität ist eine theoretische Fiktion, erklärbar mit der zeichentheoretischen Problemgeschichte eines Teils der Sprachwissemschaft und der Sprachpsychologie.

Die Aneingung grammatischer Kompetenzen hängt entschieden mehr von den frühen und späteren Bildungserfahrungen ab, die Kinder in ihren sprachlichen Um- und Mitwelten machen können. Der Komplexität sprachlicher Praktiken, Konventionen und Kompetenzen wird der Syntaktizismus so mancher Sprachdiagnostiker auch deshalb nicht gerecht. Die Empirie der Grammatikforschung eröffnet eine andere Sichtweise – und sie ist eine andere:

Die Praxis der Diagnose sprachlicher Entwicklungsstände hat der Vielfalt und Vielschichtigkeit der sprachlichen Kompetenzen der Kinder zu entsprechen. Isolierte (und noch dazu theoretisch unzulängliche) Teilfähigkeitsanalysen sind von einem geringen diagnostischen und prognostischen Wert. Die Methodik der Diagnose sprachlicher Entwicklungsstände hat dem ganzen Spektrum an Möglichkeiten der Beobachtung, Dokumentation, Analyse und Interpretation von Situationen und Kontexten sprachlichen Verstehens und sprachlicher Verständigung der Kinder zu entsprechen. Kindliche Äußerungen (über sprachliche Äußerungen und Ausdrücke) in stark schematisierten, experimentellen Situationen sagen nur begrenzt etwas über den Stand der kindlichen Sprachentwicklung aus; demgegenüber die experimentelle Praxis z.B. Tomasellos: der wissenschaftliche Beobachter in der Rolle des analytisch geschulten, dialogisch intervenierenden Mitspielers.

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