Linguistische Empirie?

Linguistische Empirie? Dieser Tage war in der SZ ein Bericht über die Jahrestagung des IdS in Mannheim zu lesen (SZ, 16.3.2012, S. 11), die das (?) „Deutsch der Migranten“ zu Thema hatte. Der Berichterstatter der SZ (oder die Redaktion) hatte(n) getitelt: „Ich mach´dich Messer“: „Was genau ist das Deutsch der Migranten? Und gibt es sein Gegenüber, das Deutsch der Deutschen?“ – um am Ende nach einem verständlichkeitskritischen Verriss mehrerer syntaktizistisch motivierter „Migrantendeutsch“-analytischer Forschungsbeiträge jenen Vortrag anerkennend hervorzuheben, mit dem ein Team der Linguistik der Universität Dortmund eine Fallstudie zur „Kommunikation der Migranten mit Behörden“ vorstellte – die „Geschichte von Yakup“, einem „66-jährigen Fließbandarbeiter aus dem Pott“.

Die liest sich (schriftsprachlich fixiert) wörtlich zitiert so: „Nach acht Jahren Türkei meine Frau tot und bleibt Kinder alleine. Kleines Kind zwei Jahre und großes Kind 13 verstehst du? Ich bin alleine nach Meldeamt gewesen. Ich habe gesagt sowas meine Frau ist tot. Wir haben sches Kinder. Ich bin hier, meine Kinder in der Türkei. Was machen?“

Der Kommentar des Redakteurs? Er identifiziert sich mit der sprachkritischen Wertung eines der Dortmunder Forscher und zitiert: „Wie klar man sich doch mit wenigen Worten ausdrücken kann.“ (Und fügt einen anderen Vortragenden anführend hinzu, man könne ja auch anders auftreten und sich „mit vielen Worten nebulös ausdrücken“.) Was stimmt da nicht? Mehreres.

Erstens zeigt der linguistische Fall nur wieder einmal exemplarisch, dass eine sprachanalytische Praxis auch dann wenig Sinn macht, wenn sie den gänggigen Syntaktizismus linguistischer Empirie konversationsanalytisch zu überbieten versucht – indem sie elementare sprachanalytische und verstehenstheoretische Aspekte solcher narrativen Studien übergeht und auf verständlichkeitskritische Wertungen zurückgreift, die genau das, was gezeigt werden müsste, unterschlagen.

Zu zeigen wäre nämlich, zweitens, was den Gehalt, die Intention und die Form der Äußerung dieses Arbeiters in dieser Situation auszumachen scheint; zu zeigen wäre, welche Interpretation seiner (hier bereits schriftsprachlich dargestellten) Einlassung jene Sprachanalyse impliziert, die die beiden LinguistInnen stillschweigend vorauszusetzen scheinen, wenn sie zu der besagten sprachritischen Wertung kommen, dass ja eh klar sei, was gemeint sei. Als bestehe die Kunst des Wörtlichnehmens von Äußerungen anderer darin, die eigenen Sprachgewohnheiten sozial zu verallgemeinern. Wie beispielsweise würde sich die beobachtete Person selbst, Missverständnisse vermeiden wollend, ausdrücklicher geäußert haben können? Und wie die Beobachter? Und welche sprachliche Erfahrungswelt spiegelt diese nachgerade naive Verstehensanalyse?

Der Fall, genauer: der Bericht der Zeitung über diesen Fall eines vermeintlichen Migrantendeutsch zeigt, drittens, was der Preis der identifikatorischen Parteinahme für ein „Migrantendeutsch“ sein kann, wenn man die Bedeutung der Sprache für die Kultur des Denkens, der Verständigung, des Lernens, des Wissens, der Bildung, der öffentlichen Teilhabe so weit außer acht lässt, wie es beide in diesem Artikel referierten lingustischen Perspektiven nahelegen. Sprachtheoretisch wie sprachanalytisch gesehen sind nämlich sowohl der formalanalytische Syntaktizismus als auch der konversationsanalytische Funktionalismus wenig zweckdienlich, wenn es um die Diagnose und Förderung jener begrifflichen Fähigkeiten geht, auf die wir angewiesen sind, wenn die anderen, die Welt und uns selbst zu begreifen versuchen.

Kurz – so nett es sein mag, die Verständlichkeit und das Verständnis anderer mit wohlmeinender Zugewandtheit oder mit sozialpolitischer Empathie zu beschreiben und zu bewerten – man wird ihnen selbst dabei kaum gerecht. Und Berichte wie der hier diskutierte lassen erkennen, woran das auch liegt. Kritischer Commonsense ohne analytische Kompetenz ist einfach zu wenig.

Was aber dann? Der besagte Arbeiter erinnert den beiden LinguistInnen gegenüber an eine Situation beim Arbeitsamt. Er schildert eine bestimmte Situation; fast könnte man sagen, er erzähle eine Geschichte. Wie geht er dabei vor, was ist ihm wichtig, welche Erwartungen, welche Erfahrungen spielen da hinein; welches Problembewusstsein setzt er bei seinem behördlichen Gegenüber voraus? In welcher und wessen Perspektive stellt er die Intention seines Ersuchens dar? Was von alledem tut er ausdrücklich, und was davon setzt er nachgerade wie selbstverständlich voraus? Usw. usf. Ein Psychologisieren? Keineswegs, solange wir uns an den Wortlaut seiner sprachlichen Äußerung wörtlich halten. Und das heißt nichts anders als den Versuch eines Brückenschlags zwischen der Sprache und der Welt dieser Person und der eigenen Welt und Sprache zu versuchen; gewissermaßen sprachreflexiv verlangsamt und sprachanalytisch durchdacht, das eigene soziokulturelle Erfahrungsspektrum ausdrücklich relativierend.

Aber zu welchem Ergebnis führt das, wenn die primärsprachlichen Fähigkeiten und Kenntnisse des Sprachanalytikers (und die seiner primären Sprachkultur) den normativen Bezugsrahmen bilden? Was sind sprachdiagnostische Befunde wert, wenn man die primärsprachlichen Kompetenzen dieses Fließbandarbeites nicht berücksichtigt? (Schon deswegen vielleicht nicht, weil man die andere Sprache selbst nicht beherrscht?) Wenn man dabei nahezu stillschweigend voraussetzt, es gebe so etwas wie grammatische Universalien, und letzten Endes seien die sprachlichen Ausdrucksformen verschiedener Sprachen (wenn man die kategorialen Abstraktion nur hoch genug ansetzt) irgendwie formal identisch? Zu welchem Verständnis der Sprache(n) der anderen führt eine Sprachanalyse, die wesentliche Differenzierungen ausblendet?

Was, wenn man zum Beispiel die hier wiedergegebene Darstellung des Arbeiters „auf deutsch“ mit jener vergleichen würde, die er in seiner Sprache einem Freund anvertraut haben könnte? Welches Bild seiner grammatischen Kompetenz würde dabei entstehen? Würde man sich dann noch mit jener formalgrammatischen Symptomatologie zufrieden geben, die die linguistische Empirie eines Teils der Vorträge bestimmmt zu haben scheint?

(ausuzuarbeiten)

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Sprachdiagnostik

Eine fast alltägliche Situation in einem Kindergarten: Die Erzieherin eröffnet der Mutter, es sei nun doch bald mal ein Entwicklungsgespräch zu führen, sie habe da doch inzwischen schon einige Beobachtungen machen können. Das betreffe insbesondere die Sprachkompetenz des ihres gut drei Jahre alten Kindes.

Ein Entwicklungsgespräch? Welche Beobachtungen wird die Erzieherin gemacht haben? Wie wird sie die sprachliche Kommunikation beobachtet haben, zu welchen Rückschlüssen in Bezug auf den Stand der Sprachentwicklung wird sie gelangt sein? Welche sprachdiagnostische Kompetenz besitzt sie? Zu welchen Ergebnissen würde eine Diagnose ihrer diagnostischen Kompetenz führen?

Was macht elementare sprachliche Bildung aus? Etwa das Talent, grammatisch korrekte Sätze der Schriftsprache bilden zu können? Schon gewisse Höflichkeitsformeln gebrauchen zu können? Schon über einen entwickelteren Wortschatz zu verfügen? In einem gewissen Maße schon gesprächsfähig zu sein? Nicht nur sprach-, sondern auch bildkompetent zu sein? Sich in Geschichten verwickeln lassen zu können?

Was macht elementare Sprachfähigkeit für Kindheitsforscher, Entwicklungsforscher, Psychologen, Pädagogen, Linguisten aus? Welche diagnostische Kompetenz besitzen sie? Und welche vermitteln sie, zum Beispiel an der Fachschule, der Fachhochschule, der Universität? Was ist der Stand der sprach-, kognitons- und entwickungswissenschaftlicen Forschung, und was davon kommt im Kindergarten, der Kindertagesstätte, der Vorschule an? Wer Kompetenzen diagnostiziert, der orientiert sich dabei Standards; an welchen Bildungsstandards orientiert sich, wer elementare sprachliche Fähigkeiten beobachtet, beschreibt und beurteilt? Fragen über Fragen…

… und ein Hinweis: Die Thesen dieses Blogs werden in der Heidenheimer Präsentation exemplarisch erläutert und begründet.

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